16.03.2020

In jeder Hinsicht bewegend: GLASHÄUSER (UA) בתי זכוכית

Eine Premiere der besonderen Art erlebten die Zuschauer am Freitagabend im Malsaal: das Tanzstück Glashäuser (UA) בתי זכוכית des international gefragten israelischen Choreografen Oded Ronen. Tief bewegten seine emotional starken tänzerischen Bilder, mit denen er und das Ballettensemble – ausgehend vom Schicksal seiner aus Plauen stammenden jüdischen Familie – die Mechanismen von Ausgrenzung, Nationalismus und Gewalt, aber auch Integration und Empathie durchleuchteten. Die intensiven Eindrücke der Tanzszenen wurden mit Projektionen historischen Videomaterials zu rassistischer Propaganda während der NS-Zeit und Aufnahmen von Plauen vor und nach den Bombenangriffen im 2. Weltkrieg verbunden. Hinzu kam eine Aufzeichnung der berühmt gewordenen Zeugenaussage von Yehiel Dinur im Eichmann-Prozess in Jerusalem 1961, begleitet von deutschen Untertiteln auf dem weißen Tanzboden. Die Bilder und Filme waren integraler Bestandteil des weiß gestalteten Bühnenraums von Ausstatter und Videokünstler Silvio Motta. Seine an zweidimensionale Zeichnungen angelehnten Kostüme erweiterten die reichen Assoziationen um Schwarz-Weiß-Ideologien und ermöglichten es, auch die Körper der Tänzerinnen und Tänzer als Projektionsfläche zu nutzen. Kippmomente, in dem sich schützende und gemeinschaftsstiftende Gruppendynamik in Ausgrenzung anderer verwandelt, waren in der Choreografie immer wieder präsent, die nicht zuletzt traditionelle Kreistänze aus jüdischen und anderen Kulturen aufgriff. Als wiederkehrendes Motiv zogen sich zudem Nationalhymnen in den jeweiligen Muttersprachen der Tänzer*innen durch den Abend, die von Poesie bis Kampf verschiedenste Situationen hervorriefen.
Im Verlauf der Vorstellung wurden einzelne Zuschauerinnen und Zuschauer, die sich zuvor dazu bereit erklärt hatten, auf die Bühne geholt und konnten, auf rollbaren Stühlen sitzend, das Geschehen aus verschiedenen Perspektiven und unmittelbarer Nähe beobachten. Zuletzt geleiteten die Tänzer*innen das Publikum aus dem Saal. Somit stand am Ende statt Applaus beeindrucktes Schweigen im Gedenken an die Opfer des Holocaust und in höchstem Respekt vor der großartigen Leistung von Miyu Fukagawa, Momoe Kawamura, Justine Rouquart, Shahnee Page, Nicole Stroh, Elliot Bourke, Julian Greene, Francesco Riccardi und Vincenzo Vitanza in einem unter die Haut gehenden Tanztheaterstück.
Im anschließenden Nachgespräch zwischen Publikum und den Beteiligten der Produktion entwickelte sich nochmals ein lebhafter Austausch. Moderiert von Carolin Eschenbrenner und übersetzt von Dramaturgin Hanna Kneißler, brachten Zuschauer*innen ihre Dankbarkeit für die Aktualität der Thematik und den Mut des Ensembles zum Ausdruck. Die Arbeit wurde als Plädoyer für die Menschlichkeit und Mahnung an unsere Gesellschaft gewürdigt. Oded Ronen äußerte seinerseits Dankbarkeit für das hohe Engagement aller und brachte die gegenwärtige Situation angesichts der Verbreitung des Corona-Virus in Zusammenhang mit Glashäuser (UA) בתי זכוכית. Es sei eine Chance für die Gesellschaft, größtmögliche Kreativität und Solidarität untereinander zu entwickeln oder sich von Egoismus und Scheuklappen leiten zu lassen. Die Zustände für Patienten in Italien, dem Wohnort von Silvio Motta, der deshalb vorzeitig abreisen musste, zeigten, wie schnell es zu besorgniserregenden Entscheidungen über Menschenleben kommen könne, und forderten dazu heraus, aus der Geschichte zu lernen. Außergewöhnlich war die Stimmung im Malsaal auch, weil es die vorerst letzte Vorstellung des Theaters in Zwickau bis zum 19. April war. Für die große Offenheit, die sich auch in Statements einzelner Tänzer äußerte, gab es am Ende des Gesprächs langen Beifall.