06.11.2018

Pechstein tanzt

Die erste Ballettpremiere der Spielzeit Arbeiten! Rausch! Gehirn Zerschmettern! ging am Freitag umjubelt über die Bühne im Malsaal. Zum Schaffen von Max Pechstein (1881-1955), Sohn der Stadt Zwickau und einer der einflussreichsten Maler seiner Zeit, hatte Annett Göhre eine eindrucksvolle Choreografie geschaffen. Anhand ausgewählter Bilder Pechsteins wurden unterschiedliche Aspekte seiner Kunst und der ihn prägenden Zeitgeschichte in fünf Szenen beleuchtet. Die Situationen reichten von ausgelassenen Begegnungen mit seinem Studienfreund Alexander Gerbig bzw. später seinen Ehefrauen über eine schummrige Tanzbar bis hin zum Grauen, das der 1933 als „entarteter Künstler“ gebrandmarkte und mit Berufsverbot belegte Pechstein während der NS-Diktatur erlitt. Das gesamte Ballettensemble in ständig wechselnden Rollen faszinierte durch seine eindringliche Darstellung und versprühte zugleich eine große Leichtigkeit in all seinen Bewegungen. Neben ihrer Wandelbarkeit bewiesen die Tänzerinnen und Tänzer höchste technische Präzision in anspruchsvollen Soli, die Annett Göhre vor allem für die drei Pechstein-Darsteller kreiert hatte. Elliot Bourke als gereifter Pechstein berührte mit seinen von körperlicher Verausgabung geprägten Figuren das Publikum zutiefst und machte die ausweglose Situation des verfolgten Künstlers unmittelbar spürbar. Vorher überzeugten Vincenzo Vitanza als junger Pechstein mit federnder Frische und Jeaho Shin mit seinen Improvisationen als Maler, Liebhaber und Ehemann. Vielfältige Tanz- und Musikstile flossen in die Choreografie mit ein, darunter auch außereuropäische Traditionen – insbesondere für die Figur der Sehnsucht. Ballettmeister Jens Weber war hierfür erst wenige Wochen zuvor für einen erkrankten Tänzer eingesprungen, erwies sich jedoch als expressiv agierende, erfahrene Idealbesetzung. Mireia Vila Sorianos Bühnenbild, an Pechsteins Gemälde Tänzerin im Spiegel orientiert, empfing das Publikum bereits mit einer Abbildung im Eingangsbereich und bezog Publikum und Tänzer/innen auf der Bühne raffiniert mit ein. Die Kostüme von Leah Lichtwitz zeichneten nicht nur das Farbspektrum der den Szenen zu Grunde liegenden Bilder und ihre gemalte Ästhetik nach, sondern markierten die Tänzerinnen und Tänzer auch als Bildfiguren, historische Personen oder Schattierungen dazwischen. Mit lang anhaltendem Applaus zeigte sich das Publikum sichtlich beeindruckt von dieser außergewöhnlichen Arbeit und Auseinandersetzung mit einem Teil der jüngeren Geschichte Zwickaus.
Die nächste Vorstellung findet am 8. November statt, im Anschluss an ein Symposium im Max-Pechstein-Museum, mit dem das Theater für die Produktion eng zusammenarbeitete. Unter dem Titel TANZ!kunst – Max Pechstein: Bühne, Parkett, Manege widmet sich die Veranstaltung den Themenkreisen Bewegung und Unterhaltungskultur um Pechstein in Vorbereitung auf die gleichnamige Sonderausstellung ab April 2019.